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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Es bleibt immer eine große Kluft, und der Körper, der so leicht zu handhaben und in Reichweite schien, wird fern und schwer, sobald man ihn zum Sprechen bringen will. Von allen Zeichen, von allem piktographischen Material ist der menschliche Körper am sperrigsten, am schwersten, am ehesten dafür bestimmt, zu beeinflussen, zu beeinträchtigen, zu verfälschen; der, der einen mehr sagen lässt, als man will, und weniger, wenn mehr nötig gewesen wäre. Sodass man ihn fast nicht mehr gebraucht, außer in einem seiner Vororte, Gesicht genannt, der alles an sich zieht – lästige Dualität!

Henri Michaux: Danse – Tanz, in: Verve, Heft 4, 1938.

Aber die Sehnsucht nach dem Tänzer steckt in vielem: Bedauern, kein schwimmender Fisch zu sein oder Tiger oder Gazelle, gewiss nicht wegen ihrer Laune, ihrer Kraft, ihrer Umgebung oder ihren Leistungen, sondern wegen ihrer Bewegung. Durch die Bewegung möchte der Mensch der Welt angehören.

—Henri Michaux: Danse – Tanz, in: Verve, Heft 4, 1938.

Weibliche Werke: Säumen, Knoten, Flechten, Weben

Säumen – Das Säumen der Kinder, das Trödeln: sie ziehen die Fransen aus den Erlebnissen, strähnen sie. Darum trödeln die Kinder, ‘Saumseligkeit’ – so könnte man wohl den besten Teil dieses Glücksgefühls nennen.

—Walter Benjamin: Aufzeichungen zum Meskalinversuch, 22. Mai 1934, in: Tillman Rexroth (Hg.): Walter Benjamin  Über Haschisch. Frankfurt am Main 1972, S. 139.

Früher einmal war Tanz für mich Versteinerung. Wenn ich tanzen sah, wurde ich zu Stein. […] Im Orient taute ich auf. […] Ich sah, wie sich in Körpern vor mir merkwürdige Gedanken ausbreiteten. Ich sah Körper, die bewohnt waren wie Köpfe, und jenes seltsame Sich-Sammeln, jenes In-sich-Kreisen verbunden mit vollkommener und spürbarer Ruhe, wie man sie bei uns manchmal an Mädchen sieht, die unter einer Lampe nähen oder sticken, nicht wissend, dass sie beobachtet werden, Maschen aneinander reihen und auftrennen und gleichzeitig mit etwas anderem, ganz woanders beschäftigt sind, in sich selbst und wie im Traum. Ich sah die ganze Welt in Körper strömen, und das Unausgedrückte zeigte sich in ihnen mit ebensolcher Kraft wie das Ausgedrückte dank großer Unterwerfung und ungewöhnlicher In-sich-Gekehrtheit.

—Henri Michaux: Danse  Tanz, in: Verve, Heft 4, 1938.

International Pony - Leaving Home [We Love Music, 2002]

Video directed by Zoran Bihac; taken from CD+DVD “Bass Is Boss - The First Remix & Video Collection” [Sony BMG / Kompakt].

Claude Simon - Danseuses, 1938
"Sie scheinen im Zustand der Schwerelosigkeit und ihre Haltungen von spontaner Anmut lassen daran denken, dass tanzen ursprünglich, im Lateinischen, saltare (springen) bedeutete oder im Fränkischen dintjan (sich rühren), mit merkwürdigem orientalischen Anklang. Auf natürliche Weise begleiten sie ihre Bewegungen durch die Haltungen ihrer Köpfe und im Gegensatz zum gefälligen, durch die Anstrengung verkrampften Lächeln professioneller Tänzerinnen sind ihre Gesichter ohne Ausdruck, wie abwesend, gleichgültig gegenüber der äußeren Welt. Jenes der Größten, rechts, etwas schwer, nach hinten geworfen, erinnert an jene der Heiligen auf Bildern, die sie im Zustand der Ekstase zeigen. Der Himmel war bewölkt und abgesehen von dem mit Blüten beladenen Kastanienbaum muss man sich die ganze Szene in Grisaille vorstellen, belebt nur durch die rosa Strumpfhosen von zweien der Mädchen, einige Falten werfend . Die Falten im Rock der Jüngsten, in der Mitte, sind mitgenommen in einer schraubenförmigen Bewegung, die ihn von hinten emporhebt, wie einen Ballon. “
Claude Simon

Claude Simon - Danseuses, 1938

"Sie scheinen im Zustand der Schwerelosigkeit und ihre Haltungen von spontaner Anmut lassen daran denken, dass tanzen ursprünglich, im Lateinischen, saltare (springen) bedeutete oder im Fränkischen dintjan (sich rühren), mit merkwürdigem orientalischen Anklang. Auf natürliche Weise begleiten sie ihre Bewegungen durch die Haltungen ihrer Köpfe und im Gegensatz zum gefälligen, durch die Anstrengung verkrampften Lächeln professioneller Tänzerinnen sind ihre Gesichter ohne Ausdruck, wie abwesend, gleichgültig gegenüber der äußeren Welt. Jenes der Größten, rechts, etwas schwer, nach hinten geworfen, erinnert an jene der Heiligen auf Bildern, die sie im Zustand der Ekstase zeigen. Der Himmel war bewölkt und abgesehen von dem mit Blüten beladenen Kastanienbaum muss man sich die ganze Szene in Grisaille vorstellen, belebt nur durch die rosa Strumpfhosen von zweien der Mädchen, einige Falten werfend . Die Falten im Rock der Jüngsten, in der Mitte, sind mitgenommen in einer schraubenförmigen Bewegung, die ihn von hinten emporhebt, wie einen Ballon. “

Claude Simon

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main 1993, S. 40.
[via abgrundtiefe]

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main 1993, S. 40.

[via abgrundtiefe]

Molly Nilsson - Poisened Candy [These Things Take Time, 2008]

Video: L’éden et après [Alain Robbe-Grillet, 1970]

Edited by Luiz Gustavo Dias.

Leben wenigstens so lange, dass man alle Sitten und Geschehnisse der Menschen kennt; das ganze vergangene Leben aufholen, da das weitere versagt ist; sich zusammenfassen, bevor man sich auflöst; seine Geburt verdienen; die Opfer bedenken, die jeder Atemzug andere kostet; das Leid nicht verherrlichen, obwohl man davon lebt; für sich nur behalten, was sich nicht weitergeben lässt, bis es für die anderen reif wird und sich weitergibt; jedermanns Tod wie den eigenen hassen, mit allem einmal Frieden schließen, nie mit dem Tod.

Elias Canetti: Das Buch gegen den Tod. Aus dem Nachlass herausgegeben von Sven Hanschke, Peter von Matt und Kristian Wachinger unter Mitarbeit von Laura Schütz, Index von Tina Nachtmann. Mit einem Nachwort von Peter von Matt. München 2014, S. 25.

[via noxe]

Ich weiß nicht, ob ich nichts zu sagen habe, ich weiß, dass ich nichts sage; ich weiß nicht, ob das, was ich zu sagen hätte, nicht gesagt wird, weil es das Unsagbare ist (das Unsagbare verkriecht sich nicht im Geschriebenen, es ist das, was das Schreiben lange zuvor ausgelöst hat); ich weiß, dass das, was ich sage, leer ist, farblos ist, ein für allemal das Zeichen ist für eine Vernichtung, die ein für allemal ist.
Genau das sage ich, das schreibe ich, und nur das findet sich in den Worten, die ich hinsetze, und in den Zeilen, die diese Worte zeichnen, und in den leeren Räumen, die der Abstand zwischen diesen Zeilen erscheinen lässt: ich kann noch so sehr meinen Sprachschnitzern hinterherjagen […] oder zwei Stunden lang von der Länge des Mantels meines Papas träumen oder in meinen Sätzen, um sie natürlich sogleich zu finden, die Lieblingsmelodie des Ödipus- oder des Kastrationskomplexes suchen, ich werde, selbst in meiner ewigen Wiederholung, in meinem bis zum Überdruss gehenden Grübeln immer nur den letzten Widerschein eines dem Geschriebenen fehlenden Wortes, den Skandal ihres Schweigens und meines Schweigens finden: ich schreibe nicht, um zu sagen, dass ich nichts sagen werde, ich schreibe nicht, um zu sagen, dass ich nichts zu sagen habe. Ich schreibe: ich schreibe, weil wir zusammen gelebt haben, weil ich unter ihnen geweilt habe, einer unter ihnen gewesen bin, ein Schatten inmitten ihrer Schatten, ein Körper nahe bei ihren Körpern; ich schreibe, weil sie in mir ihr unauslöschliches Zeichen hinterlassen haben und weil das Schreiben die Spur dieses Zeichens ist: die Erinnerung an sie ist für das Geschriebene tot; das Geschriebene, das Schreiben, ist die Erinnerung an ihren Tod und die Bejahung meines Lebens.

Georges Perec: W oder die Kindheitserinnerung, Zürich 2012, S. 47f.

[via diesebastionbehrisch:abendgesellschaft]

Worte zu dem zu finden, was man vor Augen hat – wie schwer kann das sein. Wenn sie dann aber kommen, stoßen sie mit kleinen Hämmern gegen das Wirkliche, bis sie das Bild aus ihm wie aus einer kupfernen Platte getrieben haben.

Walter Benjamin: Denkbilder. San Gimignano. Dem Andenken an Hugo von Hofmannsthal. In: Tillman Rexroth (Hg.): Walter Benjamin  Gesammelte Schriften, Band IV. Frankfurt am Main 1991, S. 364.

[via webailedthedarknessempty:aykeh]

Stephan Bodzin - Monaberry Podberry #13

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