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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Leben wenigstens so lange, dass man alle Sitten und Geschehnisse der Menschen kennt; das ganze vergangene Leben aufholen, da das weitere versagt ist; sich zusammenfassen, bevor man sich auflöst; seine Geburt verdienen; die Opfer bedenken, die jeder Atemzug andere kostet; das Leid nicht verherrlichen, obwohl man davon lebt; für sich nur behalten, was sich nicht weitergeben lässt, bis es für die anderen reif wird und sich weitergibt; jedermanns Tod wie den eigenen hassen, mit allem einmal Frieden schließen, nie mit dem Tod.

Elias Canetti, Das Buch gegen den Tod, Aus dem Nachlass herausgegeben von Sven Hanschke, Peter von Matt und Kristian Wachinger unter Mitarbeit von Laura Schütz, Index von Tina Nachtmann, Mit einem Nachwort von Peter von Matt. München 2014, S. 25.

[via noxe]

Ich weiß nicht, ob ich nichts zu sagen habe, ich weiß, dass ich nichts sage; ich weiß nicht, ob das, was ich zu sagen hätte, nicht gesagt wird, weil es das Unsagbare ist (das Unsagbare verkriecht sich nicht im Geschriebenen, es ist das, was das Schreiben lange zuvor ausgelöst hat); ich weiß, dass das, was ich sage, leer ist, farblos ist, ein für allemal das Zeichen ist für eine Vernichtung, die ein für allemal ist.
Genau das sage ich, das schreibe ich, und nur das findet sich in den Worten, die ich hinsetze, und in den Zeilen, die diese Worte zeichnen, und in den leeren Räumen, die der Abstand zwischen diesen Zeilen erscheinen lässt: ich kann noch so sehr meinen Sprachschnitzern hinterherjagen […] oder zwei Stunden lang von der Länge des Mantels meines Papas träumen oder in meinen Sätzen, um sie natürlich sogleich zu finden, die Lieblingsmelodie des Ödipus- oder des Kastrationskomplexes suchen, ich werde, selbst in meiner ewigen Wiederholung, in meinem bis zum Überdruss gehenden Grübeln immer nur den letzten Widerschein eines dem Geschriebenen fehlenden Wortes, den Skandal ihres Schweigens und meines Schweigens finden: ich schreibe nicht, um zu sagen, dass ich nichts sagen werde, ich schreibe nicht, um zu sagen, dass ich nichts zu sagen habe. Ich schreibe: ich schreibe, weil wir zusammen gelebt haben, weil ich unter ihnen geweilt habe, einer unter ihnen gewesen bin, ein Schatten inmitten ihrer Schatten, ein Körper nahe bei ihren Körpern; ich schreibe, weil sie in mir ihr unauslöschliches Zeichen hinterlassen haben und weil das Schreiben die Spur dieses Zeichens ist: die Erinnerung an sie ist für das Geschriebene tot; das Geschriebene, das Schreiben, ist die Erinnerung an ihren Tod und die Bejahung meines Lebens.

Georges Perec: W oder die Kindheitserinnerung, Zürich 2012, S. 47f.

[via diesebastionbehrisch:abendgesellschaft]

Worte zu dem zu finden, was man vor Augen hat – wie schwer kann das sein. Wenn sie dann aber kommen, stoßen sie mit kleinen Hämmern gegen das Wirkliche, bis sie das Bild aus ihm wie aus einer kupfernen Platte getrieben haben.

Walter Benjamin: Denkbilder. San Gimignano. Dem Andenken an Hugo von Hofmannsthal. In: Tillman Rexroth (Hg.): Walter Benjamin  Gesammelte Schriften, Band IV. Frankfurt am Main 1991, S. 364.

[via webailedthedarknessempty:aykeh]

Stephan Bodzin - Monaberry Podberry #13

E. Macleod - Sleep of the just. (Poach the future), 2012
[via wattersgallery:aykeh]

E. Macleod - Sleep of the just. (Poach the future), 2012

[via wattersgallery:aykeh]

Im Denken bin Ich frei, weil ich nicht in einem Anderen bin, sondern schlechthin bei mir selbst bleibe und der Gegenstand, der mir das Wesen ist, in ungetrennter Einheit mein Fürmichsein ist; und meine Bewegung in Begriffen ist eine Bewegung in mir selbst.

G.W.F. Hegel: Phänomenologie des Geistes. Frankfurt am Main 1986, S. 156.

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Theoretisch ist, was nur noch in meinem Kopfe steckt, praktisch, was in vielen Köpfen spukt.

Ludwig Feuerbach: Brief an Arnold Ruge vom Juni 1843, in: Werner Schuffenheuer (Hg.): Feuerbach – Gesammelte Werke, Berlin 1990, Band II, S. 342.

[via diesebastionbehrisch:abendgesellschaft]

Jonas Saalbach & Samuel Fach - ♫♫ Underyourskin-Podcast #4 ♫♫

Der Zweck der Revolution ist die Abschaffung der Angst.

Theodor W. Adorno an Walter Benjamin, London 18.3.1936.

In: Adorno Benjamin Briefwechsel 1928-1940, herausgegeben von Henri Lonitz. Frankfurt am Main 1994, S. 173.

[via abendgesellschaft]

Als Jugendlicher glaubte ich, eine ‘Bedienungsanleitung Leben’ könnte mir beim Leben helfen und eine ‘Bedienungsanleitung Selbstmord’ beim Sterben. Ich habe drei Jahre und drei Monate im Ausland verbracht. Ich schaue lieber nach links. Einer meiner Freunde befriedigt sich mit Seitensprüngen. Das Ende einer Reise hinterlässt bei mir denselben traurigen Nachgeschmack wie das Ende eines Romans. Was mir nicht gefällt, vergesse ich. Vielleicht habe ich schon einmal mit einem Mörder gesprochen, ohne es zu wissen. Wenn ich an Sackgassen vorbeigehe, schaue ich prüfend hinein.

Édouard Levé: Autoportrait. Berlin 2013, zit. n. Magnus Klaue, >

[via noxe]

Wann hatte alles angefangen? dachte er. Wann genau bin ich darin versunken? Ein dunkler, vage vertrauter aztekischer See. Der Albtraum. Wie da wieder rauskommen? Wie die Situation in den Griff kriegen? Und noch mehr Fragen: Wollte er überhaupt raus? Wollte er überhaupt alles hinter sich lassen? Außerdem dachte er: Der Schmerz ist nicht mehr wichtig. Und: Vielleicht hat alles mit dem Tod meiner Mutter angefangen. Und: Der Schmerz ist unwichtig, wenn er nur nicht zunimmt und unerträglich wird. Und: Scheiße, es tut weh, Scheiße, es tut weh. Unwichtig, unwichtig. Umgeben von Gespenstern.

Roberto Bolaño: 2666. Aus dem Spanischen von Christian Hansen, München 2009, S. 287.

[via abendgesellschaft]

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